Dalat, lebendige Momente
In Dalat abends mit dem Bus angekommen, blieb es gerade noch Zeit übrig, einen kleinen Spaziergang auf den offenen Markt zu machen. Die Sonne warf die letzten Strahlen auf die im französischen Kolonialstil gebauten Villen ab, bevor sie endlich hinter der Abenddaemmerung endgültig verschwand und die künstlichen Lichter der Strassenlaternen sich der Herrschaft ueber die langsam ausbreitende Dunkelheit ueber die Stadt bemächtigte.
Ich ging langsamen Schrittes von einem Laden zum anderen und schlängelte mich gemütlich von einem Verkaufstand zum anderen hindurch und genoss so die anbrechende Abendstimmung über die Stadtmitte. Es war ungewöhnlich kühl in Dalat, im Gegensatz zu der schwülen Hitze in Saigon, der ich mich noch vor einigen Stunden inmitten der Metropole erbarmungslos ausgesetzt fühlte. Ich war von der angehmen Kühle sehr angetan, die mich doch sehr an einen lauwarmen Frühling in Norwegen erinnerte. Überall duftete es nach vietnamesischen Garküchen. An den verschiedenen Ständen hielten mir die Händler ihre Ware entgegen und versuchten diese immer wieder an mir loszuwerden. Ich schüttelte jedes Mal mit dem Kopf und lehnte lächelnd, dankend ab. Von allen Seiten konnte ich heitere und unterhaltsame Stimmen vernehmen, die immer wieder in laute Gelächter ausbrachen und in die Stille der Dunkelheit verhallten. Es herrschte an jenem abend überall auf den Marktstrassen eine regelrecht gute Stimmung.
Und meine gute Laune verriet mir, dass ich in der richtigen Stadt angekommen war. Ich marschierte heiteren Herzens durch die lachenden Menschenmengen und fühlte mich in jenem Augenblick wie ein Teil der idyllischen Stadt, als wäre ich hier schon immer zuhause gewesen.
Plötzlich, irgendwo zwischen den leicht schimmernden Lichtern der
Strassenleuchten, vernahm ich eine zarte Stimme hinter mir. Ein kleines
Mädchen, im Alter zwischen 5 und 8, lief mir ständig hinterher und
sagte: “Chu”, willst Du mir bitte nicht ein par Glasperlen abkaufen? Ich
sagte: “Nein!”, und marschierte weiter. Doch das Mädchen gab nicht nach
und lief mir hartnäckig hinterher. Ich blieb schliesslich stehen und
und beugte mich zu ihr hinunter. Ich fragte sie, wie alt sie wäre und
wie sie hiess. Sie antwortete: “7”. ”Und ich heisse ”Nga!”.”Wo sind denn
Deine Eltern?”. ”Ich lebe mit meiner Mutter und mit meinen Geschwistern
auf dem Land”. Vor Kurzem ist unsere Mutter mit uns in die Stadt
gezogen, weil uns unser Vater verlassen hat! Meine Mutter versucht hier
eine Arbeit zu finden.” Wo lebt Ihr denn nun?”, fragte ich nun etwas
neugierig gestimmt. ”Wir leben am Stadtrand, in einer kleinen Hütte.”
“Was macht Deine Mutter gerade?” “Sie passt zu Hause auf die Jüngste
auf”, erzählte mir Nga mit einer leisen und schüchternen Stimme. “Hast
Du heute schon etwas gegessen?” “Nein!” kam die Antwort aus ihrem
zarten Mund. Ich musterte Nga von oben bis unten ab. Ein kleines,
dünnes und zartes Wesen, mit schmutzigen Kleidern und mit einem seit
mehreren Tagen ungewaschenen, herumlaufenden Gesicht stand vor mir und
schaute mich mit unschuldigen, dunklen Augen an. ”Komm! Ich werde Dir
was zu essen besorgen!”
Ich nahm Nga bei der Hand und führte sie zu einem Restaurant, das an der Strassenkreuzung lag. Dort angekommen fragte ich sie, was sie am liebsten äße. Sie zeigte auf das Bild, auf dem das Gericht mit dem Hühnerfleisch, Reis und Gemüse abgebildet war. Das Personal, welches herumstand und mich mit dem im leicht zerrissenen Hemd und Hose gekleideten Mädchen mit grossen, angeschwollenen Augen anstarrte, als stünden zwei Ausserirdische vor ihnen, nahm meine Bestellung mit Wohlwollen entgegen und lief gleich darauf in die Küche. Nach wenigen Minuten, als wir an einem der Esstische Platz genommen hatten, kam einer der Kellner aus der Küche angerannt und servierte uns die warme Mahlzeit auf den Tisch. Nga sass einfach nur da und rührte keinen Finger. Ich war etwas verwundert und fragte sie vorsichtig, was los wäre und ob sie keinen Hunger hätte. Sie antwortete nicht auf meine Frage und richtete ihre Blicke nur auf den Teller mit der warmen Mahlzeit. Dann … nach einer Weile fragte sie mich leise, ob sie das Essen nicht mitnehmen durfte. Ich war sehr erstaunt und sagte: ”Warum”!? Sie erwiderte, sie wolle es der Mutter und der Jüngsten nach Hause bringen. Die jüngste Schwester habe noch nicht gegessen, sagte sie. Mir verschlug die Sprache und ich wurde plötzlich von einem derartigen Mitgefühl ueberwältigt, als würden meine Tränen dringend ihren Abfluss in die Augenhöhlen suchen, um am Ende ihres Ausgangs zu einem geballten und unaufhaltsamen Strom in die unendliche Tiefe meiner Seele hinabstürzen.
Ich konte mich nur schwer zusammenreissen. Ich sagte: ”Ja!”. Sie durfte das Essen zu ihrer Schwester mit nach Hause nehmen. Ich rief den Kellner zu mir und bestellte darauf weitere Menüs, die ich ebenfalls in einer Plastiktüte einpacken liess. Dann reichte ich Nga die Essenstüte entgegen. Sie lächelte, bedankte sich und verbeugte sich tief vor mir. Ich fing sie gerade noch rechtzeitig mit meinen Armen auf und drückte sie fest an meine Brust. Ihre schwarzen Augen funkelten vor Freude und Glueck. Dann verschwand sie in der Dunkelheit der Nacht, ebenso auf der Art und Weise, wie sie aufgetaucht war.
Zurück blieb eine Leere, die ich in mir selbst verspürte und die ich zu vestehen, geradezu zu erforschen suchte. Ich stellte fest, dass es mein “Egoismus” war, der in mir rebellierte und dass es mein ”Ich” war, ”das” ich nur schwer loslassen konnte.
In Europa lernte ich stets, dass “Ich” mich erst um “Mich” selbst kümmern musste, dass “Ich” zuerst an “Mich” selbst denken musste und dann an andere und dass “Ich” “Mich” selbst bei den anderen durchsetzen musste, wenn ich etwas erreichen wollte, wenn “Ich” aus “Mir” etwas machen wollte. Aber “Nga”, ein armes, siebenjaehriges, in schmutzigen Lumpen eingehülltes Mädchen zeigte mir den wahren “Reichtum” des Lebens und lehrte mir das “Gegenteilige” vom Leben selbst, eine andere Erkenntnis menschlichen Daseins, die so einfach war wie das Mathematische: 1+1, von dem alle bereits wussten, dass es so einfach war, aber keiner von denjenigen Menschen, die ich kannte, auch richtig danach lebten. Ich war zutiefst beschämt und gleichzeitig dankbar für diese wunderbare Begegnung. “Nga” lehrte mir wahre Demut und tiefe menschliche Reife. Sie sagte mir, ich muesste an mir selbst noch sehr viel arbeiten und in mir selbst noch viel wachsen und reifen, wenn ich als Mensch in mein menschliches “Menschsein” vermenschlichen möchte.
Ein kühler Wind blies sanft von den westlichen Berghängen in das Tal hinunter und streichelte zärtlich die raspelnden Blätter der Weinreben auf den städtischen Hügeln. Und über mir glitzerten die Sterne am finsteren Himmelszelt als plötzlich … da … ganz in der Ferne ein kleiner Komet unsere Galaxie durchquerte und einen feurigen Lichtstrahl hinter sich herzog. Ich durfte mir in diesem Augenblick schnell etwas wünschen. Schnell! Aber ganz schnell! Ich verschloss die Augen und wünschte ehrerbietig, dass es Nga und ihrer Familie gut gehe und dass ihre Mutter bald eine Arbeit finden möge, um sie und ihre Geschwister zu versorgen. Ich sagte zu mir selbst: ”Psssst...das soll man sich im Stillen wünschen und nicht so laut denken...!” ”Ja! Ich weiss!”, sagte ich leise zu mir selbst.
Während ich durch die Dunkelheit der Nacht von Dalat in Gedanken versunken dahinspazierte, wusste ich nicht, dass ich bereits wieder am Hotel angekommen war, wo ich mein Zimmer gebucht hatte. Im Hotelzimmer legte ich mich müde in das sauber hergerichtete Bett. Ich dachte leise: “Dalat ist wiklich eine besondere Stadt!” Hierher moechte ich wieder zurückkehren. Vielleicht treffe ich hier wieder “Nga”, vielleicht werde ich viele andere “Ngas” antreffen und schlief unmittelbar darauf ein.
© Nguyen Minh Viet

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Kommentar von Voyance serieuse | 2012-01-23
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Kommentar von organic products | 2011-10-03
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Kommentar von Nicole | 2011-09-01
Wieder mal ein Touri, der auf diesen uralten Trick reinfällt. Dass die Kleine das Essen an der nächsten Strassenecke verhökert und den größten Teil des "Erlöses" ihren Schleppern abliefern muss, ist ein offenes Geheimnis. Von wegen "anrührend".
Kommentar von Horoscope 2012 | 2011-08-22
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