Der amerikanische Krieg – Vietnam 1960 – 1975

Waghalsige Schlüsse

Was soll man ein Buch ernsthaft positiv bewerten, in dem der Autor im Jahre 2001 der Führung der vietnamesischen Kommunisten des Jahres 1968 aufzeigt, dass sie die Tet-Offensive in Saigon zu einem besseren Ende hätten führen können, wenn sie sich nur stärker auf die Arbeitermassen gestützt hätten. Dies hat die Führung in Hanoi, so der britische Buchautor Jonathan Neale von "Der Amerikanische Krieg" allerdings unterlassen. Warum das kann Neale natürlich ganz nebenbei in zwei Sätzen begründen: "Hätte die Partei Streiks und Arbeitermacht ins Zentrum ihrer politischen Arbeit in Saigon gestellt, hätte sie sich auch in Hanoi ändern müssen" ... und "im Norden ....Streiks und unabhängige Arbeiterkomitees" (Seite 133) zugestehen müssen. Auch sonst weiß Jonathan natürlich ganz klar, was in den Köpfen der vietnamesischen Kommunisten in diesem Zeitraum vor sich ging. "Die gesamte Tradition der vietnamesischen Kommunisten war bis dahin militärisch geprägt. Sie konnten sich deshalb 1968 für Saigon einen städtischen Aufstand nur als militärisches Ereignis auf Kommando vorstellen." Statt, wies richtig gewesen wäre auf das Anwachsen des Widerstands von kleinen Streiks und Protesten über Massendemonstrationen bis zum Generalstreik zu entwickeln.

Der Autor wurde 1949 in New York geboren Er ist Historiker und beteiligte sich Ende der 60iger Jahre aktiv an den Demonstrationen und Manifestationen gegen den Krieg in Vietnam. Heute lebt Neale in London. Im Vorwort formuliert der Autor, der sich als Anhänger der trotzkistischen Organisation "International Sozialist Organisation" bezeichnet, den Anspruch an sein Buch, das 2002 in Englisch und 2004 in Deutsch veröffentlicht wurde.

Neale will die Geschichte dieses Krieges aus der Sicht der Menschen 'von unten' (Seite 24) schreiben. Diese Menschen sind für ihn die armen Bauern und Arbeiter in Vietnam sowie die unter den Bombardements der US-Luftwaffe leidenden Frauen und Kinder. Es sind auch die einfachen GI aus der Unterschicht, die von der amerikanischen Führung nach Vietnam geschickt wurde, um die Interessen von Industrie und Militär zu verteidigen. Und, es sind die Studierenden und Kriegsgegner aus allen Teilen der amerikanischen Bevölkerung, die gegen den Krieg der USA in Vietnam protestierten. Neale ordnet den Krieg in den Klassenkampf der Arbeiter gegen die herrschenden bürgerlichen Klassen Vietnams und der USA ein. "Die meisten Historiker trennen Klassenkampf und internationale Beziehungen. ... Dieses Buch betrachtet durch- gängig, wie sich der Klassenkampf auf die Verhältnisse im Inland und international auswirkt." (Seite 24)

Warum die USA den Krieg in Vietnam verloren

Drei große Gründe zählt Neale auf, warum die USA in Vietnam scheiterten. Die Kraft des vietnamesischen Widerstandes, der passive und aktive Widerstand in der US-Armee gegen die Generäle sowie die Stärke der internationalen Bewegung gegen die US-Kriegsführung in Vietnam. Neu und bislang in deutschen Buchveröffentlichungen kaum thematisiert sind die in Kapitel 5 beschriebenen Fakten über Widerstand innerhalb der in Vietnam eingesetzten Truppe gegen die Offiziere. Ab 1968 töten GIs immer wieder in Einzel- und Kleingruppenaktionen Offiziere, die als besondere Schinder auftraten. Ab 1971, so Neale, verweigerten immer mehr GIs den Kampfeinsatz oder versuchten, ihm aus dem Weg zu gehen. In vielen Kasernen der USA und auch der Militärstützpunkte der US-Armee in Europa (z.B. Heidelberg, Karlsruhe existierten Diskussions- komitees, kritische Flugblätter und selbstverlegte Zeitungen sowie Kulturgruppen, die den Rückzug der USA aus Vietnam forderten. Die Ursachen sieht Neale in zwei Gründen:

  • der schikanösen Behandlung der aus der Arbeiterklasse stammenden GIs durch die aus höheren Schichten kommenden Offiziere mit Karriereassoziationen nach dem Krieg. Für die GI war es ein Krieg, den die Arbeiterklasse führen musste. "Für die,jenigen, die dort hingingen, war ihre Anwesenheit dort ein untrennbarer Bestandteil ihrer eigenen Unterdrückung" (Seite 25)
  • Der Kampf gegen den Rassismus, der auch in der US-Truppe permanent vorhanden war. (Stichwort Black Power Bewegung)

    Gut beschrieben ist auch die Begründung für den Eingriff der US Regierung in Vietnam in Kapitel 2. Neale leitet die Gründe aus der Klassenzugehörigkeit der Regierung ab. Er zeigt auf, dass ihrer Mitglieder, egal ob die Kennedys, die McNamaras, Johnsons Funktionen in den Unternehmen des industriellen, militärischen Komplexes wahrnehmen. Er erläutert warum die Feindschaft zu den sozialistischen Staaten besteht und welche Rolle der Antikommunismus für die Politik der USA spielt(e). Seine Analyse und seine Argumentationsketten bezogen auf das amerikanische Eingreifen in Vietnam sind nüchtern und scharfsinnig, manchmal auch zynisch. Diese kalte Sachlichkeit nutzt Naele beispielsweise, wenn er die bestialische Brutalität der US-Armee unter anderem beim 'body count' schildert. Dass GIs den getöteten Vietnamesen die Ohren abschnitten, war nicht das Ergebnis deren individuellen Brutalität oder Verkommenheit, sondern das Resultat der Befehle aus dem Pentagon. Ebenfalls faktenreich und gut beschrieben die Kriegsverbrechen der USA in Kapitel 3 "Feuerkraft"

 

Waghalsige Schlüsse

Neale sieht sich als Analytiker. 'Weil ... musste' – Beziehungen benutzt er gerne und intensiv. Nur, er ist ein Analytiker, der immer mal wieder vergisst, das Ergebnis seiner Gedankenketten an der Realität zu überprüfen. Besonders verheeren wirkt sich dies aus, wenn er schon in der Voraussetzung seiner Schlussfolgerungen einen Fehler hat. Dann gehen die Sch(l)üsse eben nach hinten los. Aus einer falschen Voraussetzung kann man bekanntlich alles schließen, dies lehrt uns die Mathematik und die Logik. Eines der Beispiele für diese eingeschränkte Wahrnehmungs- fähigkeit und den falschen Schlüssen ist das zu Beginn meiner Kritik genannten These, dass die Nichteinbeziehung der Arbeiterklasse den Erfolg der Tet-Offensive geschwächt habe. Hat Jonathan Neale eigentlich mal überprüft welchen Anteil an der Bevölkerung Industriearbeiter hatten?

Ähnliche waghalsige und schlicht unhaltbare Schlussfolgerungen mehren sich, je weiter Jonathan Neale sich der Gegenwart nähert. Einer der Gründe für das Eingreifen vietnamesischer Truppen in Kambodscha liegt in den Widersprüchen der Landwirtschaftspolitik und der Reisproduktion. "Die Bauern (die sich der Kollektivierung widersetzten, SK) verweigerten dem Staat ausreichend Reis. Washington schloss Vietnam vom Reishandel aus und China lieferte keinen Reis mehr. Die Führer in Hanoi kamen zu der Auffassung, dass sie ohne russische Hilfe nicht überleben konnten. Um diese zu erhalten unterzeichneten sie 1978 mit Russland ein Abkommen zur gegenseitigen Verteidigung. Dieses trieb sie in den Krieg mit Kambodscha und China." (Seite 1968).

Völlig unwirklich und unmarxistisch wird die Analyse Jonathan Neals dann in der Beurteilung der gegenwärtigen Situation Vietnams. Auf Seite 223f zieht Jonathan Neale seine Schlussfolgerung. "Die Geschichte Vietnams ist eine Tragödie (Hervorhebung SK). Die vietnamesischen Menschen kämpften mit großem Mut und großen Verlusten gegen Frankreich und die USA für eine bessere Welt. Am Ende waren sie Unterworfene einer neuen Herrschenden Klasse. Diese Klasse war sowohl Gefangene als auch Agentin eines Weltmarktes und eines kapitalistischen Weltsystems." Also war alles umsonst Herr Neale?

Für den Autor offensichtlich schon. Die letzten Worte über den 'Amerikanischen Krieg' in seinem Buch lauten (Seite 224). "In Kapitel 1 habe ich Ngo Van zitiert, der mit ein paar trotzkistischen Genossen während des Arbeiteraufstands von 1945 in Saigon (für die Revolution SK) kämpfte. ... Sie wollten durchführen, was die russischen Arbeiter und Bauern 1917 versucht hatten. Viele von ihnen wurden getötet und die wenigen Überlebenden wie Ngo Van wurden ins Exil getrieben." So bleibt Neale nur noch, sein Schlusssatz: "die Hoffnung (Hervorhebung SK) für die Menschheit – demokratische Arbeitermacht von unten". Dies ist mir mit Verlaub zu wenig – bei allen Widersprüchen und Schwierigkeiten mit denen die Menschen in Vietnam und die vietnamesische Regierung derzeit kämpfen.

Jonathan Neale
Der amerikanische Krieg – Vietnam 1960 – 1975
Atlantik-Verlag, Bremen, 2004
3926529172, 15.00 Euro

© Stefan Kühner, Karlsruhe
E-Mail: stefan-kuehner@gmx.de

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