"Ho Chi Minh – eine Chronik"
Kaum ein Politiker aus Asien des letzten Jahrhunderts ist so bekannt wie der vietnamesische Präsident und legendäre Führer der Befreiungsbewegung gegen die französische Kolonialmacht. Details über das Leben Ho Chi Minhs kennen allerdings nur Wenige. Hellmut Kapfenberger, schildert in dem neuen Buch „Ho Chi Minh – Eine Chronik“ in 25 Kapiteln den Lebensweg dieses außergewöhnlichen Humanisten und Kommunisten. Kapfenberger ist von Haus aus Journalist, der für die Nachrichtenagentur der DDR ADN lange Zeit in Vietnam gearbeitet hat. Er schreibt in einfachen und klaren leicht verständlichen Sätzen.
Der Autor verbindet den Lebensweg von Ho Chi Minh eng mit seiner politischen Entwicklung. Dies sei exemplarisch am Inhalt der ersten beiden Kapitel „Weg ins Leben“ und „Aufbruch in die Welt“ vorgestellt. Schon als Kind macht der Sohn gebildeter Eltern frühe Erfahrungen mit der Brutalität und der Unterdrückung durch die koloniale Herrschaft Mit 21 Jahren (1911) verließ Tat Thanh (so hieß Ho Chi Minh damals) Vietnam. Nicht ganz freiwillig. Durch illegale Unterstützungsaktionen für antikoloniale patriotische Gelehrte geriet er ins Visier der Kolonialverwaltung und wurde 1910 des Gymnasiums verwiesen.
Als Küchenjunge, Steward und Offiziersgehilfe, sowie später als Heizer, Hotelgehilfe und in viele andere Jobs lernt er in den folgenden sechs Jahren am eigenen Körper und mit eigenen Augen das Leben und die Not von Arbeitern und Unterdrückten in Frankreich, England den USA und Afrika kennen. Diese Erfahrungen vermitteln ihm nach eigenen Worten die Hintergründe des Kolonialismus und die Zusammenhänge des Kolonialismus mit dem Kapitalismus. Er erfährt allerdings auch die Solidarität der unterdrückten und benachteiligten Menschen. 1917 wird Ai Quoc (so nennt sich Ho Chi Minh zu diesem Zeitpunkt) politisch aktiv Die Befreiung seiner Heimat vom Kolonialismus bleibt jedoch sein wichtigstes Ziel. Er gründet eine antikoloniale Zeitschrift mit dem Titel ‚Le Paria’. Und bei den Friedensverhandlungen zum Ende des ersten Weltkriegs in Versailles übergibt er eine Resolution mit dem Titel „Forderungen des Annamitischen Volkes“. Sie beinhaltet die Forderungen nach Amnestie für die von den Kolonialisten eingekerkerten Patrioten, Presse- und Meinungsfreiheit, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit, Ersetzung der kolonialen Dekrete durch demokratische Gesetze. Ai Quoc musste allerdings die Erfahrung machen, dass diese Forderungen von den Mächtigen der Welt noch nicht einmal diskutiert wurden. Die Protokolle der Versailler Verhandlungen ignorieren selbst die Existenz der Resolution, wie Kapfenberger aufzeigt. Ai Quoc machte damit auch die Erfahrung, dass von den Regierungen Frankreichs und Englands eine Beendigung des Kolonialismus nicht ausgehen würde. Dies wird ihn aber an seinem engagierten Kampf für die Freiheit seines Volkes nicht abbringen.
Kapfenberger hat für die Chronik des Lebens von Ho Chi Minh ausführlich recherchiert. Er berücksichtigt alle Quellen, die offenstehen. Die Stärke liegt in der Vollständigkeit der Schilderung der Person von Ho Chi Minh und die Einbettung seines Lebens in die politischen Bewegungen in Vietnam, der UdSSR, Chinas, Europas und während des Krieges auch in den USA. Das Buch „Ho Chi Minh – eine Chronik“ ist darüber hinaus derzeit das einzige im Buchhandel erhältliche (deutschsprachige) Werk über Ho Chi Minh. Allein dies ist schon positiv. Die Vollständigkeit und die leichte Lesbarkeit machen das Buch zusätzlich nützlich vor allem für Leserinnen und Leser, die sich erstmals mit ‚Onkel Ho’ befassen wollen.
Dass es an einigen Stellen noch Lücken in der Biografie von Ho Chi Minh gibt, verschweigt Kapfenberger nicht. Er weist an verschiedenen Stellen sogar selbst darauf hin und vermerkt, dass hier, wenn überhaupt, nur vietnamesische Historiker Aufschluss geben können.
Neben einer chronologischen Schilderung des Lebens geht der Autor auf die politische Entwicklung des Revolutionärs und Führers der Befreiung Vietnams ein. Hier finden sich also auch Antworten auf die Frage ob Ho Chi Minh eher nationaler Befreier oder Kommunist gewesen sein. (Kapitel: „Weg zu Lenin“).
Hellmut Kapfenberger
Ho Chi Minh – Eine Chronik
Verlag Neues Leben, Berlin, ISBN 978-3-355-01758-9 14.90 EUR
© Text: Stefan Kühner



