Nach Hanoi – der Liebe wegen
„Machen Sie auch Reisebegleitungen nach Vietnam?“ fragte eine männliche Stimme am Telefon. Aus der Redeweise schloss ich, dass der Anrufer unter einer leichten Sprachbehinderung leidet und vom Dialekt her vermutlich aus Ostdeutschland stammen könnte.
„Im Prinzip ja“, antwortete ich und fragte weiter:“ Wann und wohin genau wollen Sie denn?“
Ich musste mich sehr konzentrieren, um alles zu verstehen, was mein Gesprächspartner daraufhin hervorsprudelte. Er stellte sich vor:
„H. K. – wie der Bundespräsident! Ich bin 55 Jahre alt und rufe aus Gansleben an, das ist in der Nähe von Magdeburg!“ Er wolle zu Freunden nach Hanoi. Die hätte er vor zwei Jahren schon einmal besucht. Damals wären der Flug und der ganze Papierkram für ihn wegen seiner Behinderung sehr anstrengend gewesen und deshalb hätte er jetzt gern jemanden an seiner Seite auf den er sich verlassen kann. Zur Klärung fragte ich ihn genauer nach seiner Krankheit. Er erzählte von einer spastischen Gehbehinderung und feinmotorischen Problemen in den Händen. „… und wie ich spreche, hören Sie ja“, schloss er. Der Anrufer erklärte, mich bräuchte er, damit ich ihn in Hanoi als Dolmetscherin auf bestimmte Behörden begleite, um herauszufinden, warum seine Verlobte kein Visum nach Deutschland bekommt. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass er die Frau vor zwei Jahren in Hanoi kennengelernt hatte und seitdem zweimal ein Touristenvisum für sie abgelehnt wurde. Jetzt schmort seit Monaten ein Antrag zur Ausreise zwecks Eheschließung irgendwo und die Sache geht nicht voran. Prompt fielen mir etliche Schauergeschichten zum Thema ‚Import von Asiatinnen’ ein, aber der Anrufer erklärte schlicht:“Seit ich Chan kenne, hat mein Leben erstmals ein Ziel und einen Sinn. Wenn ich noch länger alleine sein muss, werde ich verrückt!“ Das klang überzeugend, zumal es sich hier um eine 45jährige Frau handelt, die durch ihre Scheidung nach den Gesetzen der vietnamesischen Gesellschaft als Außenseiterin gilt. Da hatten sich offenbar zwei Verzweifelte gefunden. Ich fragte ihn, wie er auf mich gekommen sei und er antwortete: „Unser Pfarrer hat Sie im Internet gefunden!“
Bei einem „Schnuppertreffen“, das ich grundsätzlich vor so langen Reisen anberaume, merkte ich schnell, dass die Chemie zwischen uns stimmt. Allerdings sah ich auch, wie schlecht sich H. K. ohne Hilfsmittel fortbewegen konnte. Mir schwante, wie riskant es sein könnte, wenn sein E-Rollstuhl in Vietnam versagen oder sich in bestimmten Situationen als zu groß oder schwer erweisen würde. Aber mein Kunde beruhigte mich:
„Ich kenne doch die Gegebenheiten vor Ort und mit jemanden an meiner Seite, komme ich auf alle Fälle zurecht.“
Auch meine Aufzählung aller Schreckensszenarien, die unter Umständen eintreffen könnten: z.B. dass Chan aus ihrem Kulturkreis gerissen und vielleicht hier in Deutschland ganz unglücklich sein würde und dass sie beide sich nicht verständigen könnten oder dass sie über ihn vielleicht sogar nur die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen will. Aber all diese Argumente prallten an seiner festen Zuversicht ab, dass sich alles zum Guten wenden würde, wenn er nur mit seiner Chan zusammen sein könnte.
Irgendwann sagte ich mir: Wahrscheinlich kann ich die seelischen Nöte und die Einsamkeit, die ihn zu dieser Tat bewegen, gar nicht wirklich nachvollziehen. Ich beschloss, diese Aktion nicht als Reise-Dienstleistung sondern eher als eine Mission zu betrachten, zwei Menschen zu einer neuen Zukunft zu verhelfen und das Abenteuer „Hanoi in Sachen Liebe“ mit ihm zu wagen!
Zu meinen Vorbereitungen gehörten Internetrecherchen über Land und Leute und die Lektüre des Buches „Kulturschock Vietnam“. Ich suchte eine Fluggesellschaft, die einen E-Rollstuhl transportiert und fand sie für unseren Termin in Cathay Pacific. Auf den Internetseiten der Deutschen Botschaft und des Auswärtigen Amtes versuchte ich, mir einen Überblick zu den diversen Bestimmungen und Formularen für Eheschließungen mit vietnamesischen Partnern zu verschaffen. Dann klärte ich mit meinem Kunden, welche von seinen vielen Dokumenten, die mittlerweile gesammelt, beglaubigt, legalisiert und übersetzt worden waren, wir nach Hanoi mitnehmen.
Am 29. November ging es los! Flughafen Frankfurt : Keinerlei Probleme beim Einschecken, freundliches Personal vom Check-in bis zum Gate, die H. K. in einen Bordrollstuhl umsetzten und uns vor allen Passagieren einstiegen ließen. Nach 14 Flugstunden holte uns in Hongkong chinesisches Personal ab und brachte uns zum Anschlussflug nach Hanoi. Während des Fluges beschlich mich immer wieder die Sorge, was wohl passieren würde, wenn es sich die vietnamesische Verlobte inzwischen anders überlegt hatte. Aber: Chan stand lächelnd mit einem Blumenstrauß in der Wartehalle und fiel ihm um den Hals. „Mission erfolgreich begonnen“, dachte ich erfreut und begrüßte auch H’s. Freund Nguyen, der für uns dolmetschte.
In einem Großraumtaxi fuhren wir nach Hanoi und landeten in einem Hotel, das noch aus der französischen Kolonialzeit zu stammen schien. Immerhin: Es gab Zimmer mit Bad/WC und Aircondition, Frühstück und Obstschale für 10 Euro pro Tag.
Am nächsten Morgen fuhren wir im Auto des Freundes von unserem Vorort Ha
Dong,
ca. 15 Kilometer Richtung Innenstadt. Wir reihten uns in einen
endlosen Strudel von Mopeds, Fahrrädern und Fußgängern ein, die sich
alle ohne eine Miene zu verziehen, ihren Weg bahnten und dabei keinerlei
Verkehrsregeln beachteten. Das einzige was zu zählen schien: Es muss
irgendwie weitergehen. Deshalb beharrt auch niemand auf seinem Recht
oder wird rabiat wie in Deutschland, sondern man arrangiert sich
irgendwie immer.
Die meisten Verkehrsteilnehmer schützten sich mit Tüchern oder Masken vor dem Gesicht vor den Abgasen. Auch ich hatte das Autofenster sofort wieder hochgekurbelt. Wir überholten Radfahrer mit unglaublichen Aufbauten auf ihren Gepäckträgern: Meterhohe Waren aller Art, mehrere Schweine oder sonstige Tiere in Käfigen, die wahrscheinlich bald auf dem Markt landen.
Die Häuser am Straßenrand sahen schmal, wie aufeinandergestapelt und oftmals recht ärmlich aus. Nach etwa 30 Minuten, im Stadtzentrum, wurde alles sehr viel weltstädtischer. Wir passierten internationale Fünfsternehotels und hielten dann in einer Villengegend mit viel Grün vor einem umzäunten und bewachten Gelände: der Deutschen Botschaft.
Die lange Menschenschlange davor ließ uns bereitwillig den Vortritt als
sie den Rollstuhl sahen. Am Schalter übergab uns ein ernster, junger
Mann ein weiteres vierseitiges Formular zum Ausfüllen. Diese Arbeit ging
in einem Café als Gemeinschaftswerk über die Bühne: Ich trug alle
Angaben von H. in deutscher, Nguyen alle vietnamesischen Namen und
Adressen ein. Zum Schluss mussten noch drei Passbilder der Verlobten
aufgeklebt werden, was der Freund schnell bewerkstelligte, in dem er
zwei Finger voll Leim im Nachbarladen organisierte! Da die Botschaft um
11.30 Uhr jedoch schon geschlossen hatte, verschoben wir die Abgabe auf
den nächsten Tag. Nun sollte Chan zur Feier des Tages einen Ring
bekommen. Der Freund führte uns zu einem Juwelier und als das passende
Schmuckstück für umgerechnet 90 Euro gefunden war, zahlten wir mit zwei
50-Euro-Scheinen. Gerade wollten wir den Laden verlassen, als ein
Geschrei losbrach und die Kassiererin - mit den Geldscheinen wedelnd -
hinter uns her rannte und schimpfte. Nguyen polterte zurück, ein
Menschenauflauf bildete sich, die Polizei erschien. Ich verstand nicht,
was los war, zog aber vorsichtshalber aus meinem Geldgürtel einen
Hunderter hervor und sagte : „Vielleicht kennt sie keine 50iger!“ Und
tatsächlich beruhigte sich die Frau nach dem Austausch der Scheine
sofort. Inzwischen war auch der Geschäftsführer erschienen, verbeugte
sich nach allen Seiten und entschuldigte sich für die Eskalation. Wir
verließen schleunigst den Laden, denn ich hatte uns schon alle im
Gefängnis gesehen…
Zur Beruhigung gingen wir in ein Restaurant am schönen Ha Tay –See und schon bald konnten wir alle über den Vorfall lachen. Unser Freund bestellte verschiedene Fleisch-, Krabben-, Gemüse- und Nudelsorten und zeigte uns, wie man die kleinen Stücke mittels Stäbchen kurz in den Topf mit heißer Brühe hält und dann isst. Davor genossen wir „Canh chua“, süßsaure Fischsuppe mit Tamarinde, Koriander, Basilikum, Minze, Chili, Knoblauch und Zitronengras gewürzt. Wem das noch nicht scharf genug ist, der greift zu der allgegenwärtigen „nuoc mam“, einer salzigen Fischsoße, die auf jedem Tisch steht. Dazu tranken wir Bia Hanoi, das lustigerweise dem deutschen Wort „Bier“ ähnelt. H’s. Freund – inzwischen duzten wir uns - erzählte, dass er hier ursprünglich einmal Kunst studiert hatte. Dann ging er wie viele seiner Landsleute in die DDR und baute 15 Jahre lang in Magdeburg Kühlschränke zusammen. Als die Wende kam, mietete er den Laden in H’s. Haus und eröffnete eine Änderungsschneiderei, die wohl sehr gut lief. Als er genug Geld beisammen hatte, ging er mit seiner Frau und seinen beiden, in Sachsen-Anhalt geborenen Söhnen, zurück nach Hanoi. Seine Kinder trauerten angeblich immer noch den deutschen Wurstwaren hinterher! Was er jetzt genau macht, wurde mir nicht so richtig klar. Scheinbar führt seine Frau den Laden und er „macht Geschäfte, Handel“ wie er sich ausdrückte. Seit seiner Heimkehr nach Hanoi hatte er H. immer wieder eingeladen, ihn mal zu besuchen. Vor zwei Jahren fasste H. dann den Entschluss in Begleitung seines jetzigen Untermieters nach Vietnam zu fliegen. Das war seine erste Reise und dann gleich um die halbe Welt! Die Verwandten von Nguyen in Hanoi fragten ihn immer wieder verwundert, ob er denn wirklich ganz allein lebe, nicht verheiratet sei, keine Kinder habe. Allein zu leben ist für Vietnamesen, denen die Familienbande über alles gehen, unvorstellbar. Und dann kamen jeden Abend neue alleinstehende Frauen zu Besuch, die ihm vorgestellt wurden. Eine davon war seine Chan. Es funkte sofort und seitdem versucht er, sie nach Deutschland zu bekommen. Für H. grenzte die Tatsache, dass es in seinem Leben überhaupt noch mal eine Frau geben könnte und noch dazu eine so hübsche und sympathische wie Chan, an ein Wunder!
Fröhlich starteten wir am nächsten Tag den zweiten Botschaftsversuch und wurden bitter enttäuscht: Der Angestellte blätterte die Papiere durch und erklärte: Es fehle die Ledigkeitsbescheinigung der Frau und die Standesamtserklärung des Mannes und sie nähmen nur vollständige Unterlagen entgegen. Ich fragte H. nach seinem Besuch im deutschen Standesamt und er erklärte aufgeregt, dass man ihm dort gesagt hätte, weitere Papiere bräuchte er erst, wenn Chan in Deutschland wäre und er sie dort heiraten wolle. Aber der Beamte blieb stur: Alle Versuche, ihn zu einer Ausnahmeregelung zu überreden, schlugen fehl. Resigniert stellten wir fest, dass wir ohne die fehlenden Papiere momentan vor Ort nichts weiter vorantreiben konnten. „Immerhin wissen wir jetzt wenigstens, was noch fehlt!“ versuchte ich die anderen aufzumuntern!“ Wir beschlossen, das Beste daraus zu machen und die verbleibenden Tage miteinander zu verbringen, zum Sightseeing zu nutzen und dann eben von Deutschland aus weiter zu operieren. Ich fühlte ich mich ganz anders als auf sonstigen Reisebegleitungen. Diese Sache hier hat eine völlig andere Qualität. Während es normalerweise darauf ankommt, meinen Kunden ein paar schöne, interessante Tage zu gestalten, geht es diesmal um das Lebensglück zweier Menschen.
Morgens bestellte ich meist ein Großraumtaxi um mit H. Hanoi zu erkunden
und mit vereinten Kräften – es fanden sich immer sofort zahlreiche
helfende Hände - hievten wir den Rollstuhl hinein. Ich kaufte einen
Stadtplan und wir besichtigten systematisch die Altstadtgassen, die nach
36 Zünften unterteilt sind: In einer gibt es nur Spiegel, woanders nur
Blechartikel, wir sahen Schmiedegassen, Kleiderstraßen, farbenfrohe
Dekomaterialien aller Art – auch Weihnachtsschmuck- , Schuhgassen mit
fliegenden Schustern, Grabsteine, Juweliere usw. Sie alle bauen ihre
Waren sorgfältig vor den Läden auf und warten dann scheinbar Tag und
Nacht auf Kunden. Mittlerweile wurden wir beim Überqueren der Straßen
immer mutiger und oh Wunder: Es klappte jedes Mal reibungslos – niemand
überfuhr uns! Ich hatte von einem Vietnamkenner die goldene Regel
mitbekommen: „Gehe zielstrebig auf die Straße, überquere sie in
gleichmäßigem Tempo, ohne anzuhalten. Stoppst Du oder gehst Du
rückwärts, bist Du verloren!“ Diese Regel stimmte – war aber
gewöhnungsbedürftig. Nachmittags saßen wir in der ersten Reihe des
Wasserpuppentheaters und genossen das schöne Schauspiel der Holzpuppen
und Fabelwesen auf der Wasserbühne. Bewegt wurden sie von unsichtbaren
Stangen unter Wasser, die Menschen hinter den Kulissen bedienten. Dazu
spielte eine traditionelle vietnamesische Musikgruppe. Wir waren
begeistert. H. wollte nach dem Schlussapplaus gar nicht gehen – der
erste Theaterbesuch seines Lebens! Auf der Rückfahrt quälten wir uns
durch den abendlichen Verkehr, der noch weitaus schlimmer war als
morgens. Die Mopedfahrer wuselten stinkend und knatternd um uns herum
und unternahmen waghalsige Überholmanöver auf der Gegenspur, auf
Bürgersteigen und plötzlich nach einer Vollbremsung lag einer von ihnen
halb unter unserem Taxi. Wir hielten den Atem an, aber wiederum ging es
glimpflich aus: Man redete miteinander, half sich hoch, bog das Blech
wieder hin und weiter gings. Mitten in den Massen versuchten hilfslose
Polizisten und eine Art Schülerlotsen den Verkehr zu regeln - aber
niemand achtete auf sie. Ich schlug H. vor, nun den berühmten
Literaturtempel Hanois zu besichtigen. Auf dem Weg dorthin kamen wir am
Goethe-Institut vorbei. Nebenan gab es ein Goethe-Cafe und wir
beschlossen, heute mittag dort essen zu gehen. Horst hatte in den
letzten Tagen öfter mal gesagt: „Ach jetzt könnte ich mal wieder so ne
richtige Wurscht oder Schweinebraten essen!“ Und tatsächlich wurden wir
nicht enttäuscht: In einem schönen ruhigen Innenhof ohne Abgasgestank
standen weißgedeckte Tische mit Stoffservietten und silbernem Besteck.
Freundliche Kellnerinnen brachten uns die Karte und wir entdeckten
lauter deutsche Gerichte! H. wählte Kohlrouladen mit Kartoffelpürree und
wir lachten bei dem Gedanken, mitten in Hanoi deutsche Hausmannskost zu
essen. Dann entdeckte ich die Bibliothek des Goethe-Institus und
erkundigte mich nach vietnamesisch-deutschen Wörterbüchern. Nach einer
sehr kundigen Beratung, wusste ich, in welchem Buchladen es diese Bücher
zu kaufen gibt und teilte H. meine Entdeckung mit: „Wenn Du Chan diese
Wörterbücher schenkst, dann könnt ihr Euch doch viel besser verständigen
und sie kann deutsch lernen!“ H. nickte begeistert und wir liefen
sofort zum International Bookstore und kauften die zwei Bände für 10
Euro. Diese Summe hätte Chan, die momentan als Putzfrau
20 Dollar im
Monat verdient, nie investieren können. Während H. sich, als wir wieder
im Hotel waren, etwas hinlegte, spazierte ich am Son Nhue-Fluss entlang.
Je weiter ich ins Hinterland kam, umso schlechter wurde die Straße und
umso einfacher die Häuser. Plötzlich zupfte mich jemand am Arm und
voller Erstaunen blickte ich in Chans Gesicht, die neben mir auf dem
Fahrrad gehalten hatte. Ich fragte sie: “Zu H.?“ Sie nickte und nahm
mich auf dem Gepäckträger wieder mit zurück. H. war völlig überrascht
und glücklich. Nun kamen die Wörterbücher zum Einsatz mit deren Hilfe
wir herausfanden, wann und wie oft wir uns noch sehen und wie wir den
letzten Abend gestalten würden. Dann ließ ich die zwei allein und
beschloss, Hanoi bei Nacht zu erobern. Mit dem Linienbus fuhr ich ins
Zentrum. Mittlerweile fühlte ich mich sehr zuhause in der
vietnamesischen Hauptstadt und fand mich gut zurecht. Ich ließ mich
treiben und fand die Altstadt bei Nacht noch viel spannender als
tagsüber. Ich kaufte ein paar Souvenirs und probierte wieder an
Garküchen kleine exotische Gerichte. An diesem Abend lief ein
Fußballspiel im Fernsehen und alle Ladeninhaber samt Familien und Kunden
starrten gebannt auf die Mattscheibe, denn ihre Nationalmannschaft
spielte gegen irgendwen. Ich sah nur wenige Touristen und wenn, dann
meist Gruppen von Studienreisenden, die immer schön zusammenblieben! Nur
die ganz Mutigen trauten sich hin und wieder, in Fahrradrikschas
(Cyclo, Anm. Red.) Hanoi zu besichtigen. Auf mich wirkte das irgendwie
deplaziert, wenn die schmächtigen, kleinen Vietnamesen die weißen,
dicken Europäer durch die Gegend fuhren. Aber damit verdienen sie
natürlich ihr Geld. Als ich wieder im Hotel war, klopfte H. an meine Tür
und erzählte, dass Chan auf seinem Bett eingeschlafen war, völlig
übermüdet von der Arbeit und irgendwann gegangen sei. Er war dennoch
froh über den Abend und wir schauten noch ein wenig bei der
allabendlichen Karaoke-Veranstaltung im Nachbarhotelgarten zu.
Die übliche morgendliche Frühsportmusik begleitete uns einen Tag später
auf unserer Fahrt zur
Ha Long-Bucht. Wir überquerten den Roten Fluss,
der zur Zeit nur ungefähr die Hälfte seines kilometerbreiten Flussbettes
ausfüllte und dann wurde die Gegend sehr schnell ländlich mit
Reisfeldern, die Bauern mit ihren Wasserbüffeln durchpflügten. Aber auch
riesige Kohlekraftwerke und Keramikindustrieanlagen flogen rechts und
links an uns vorbei. Nach zweieinhalb Stunden öffnete sich vor uns die
märchenhafte Ha Long-Bucht: Tausende kleiner Kalkfelsen ragten in
anmutigen Formationen aus dem smaragdgrünen Meer, umgeben von diffusen
Lichtschichten des Golf von Tongking. Eine Märchenbucht – zu recht
UNESCO Weltkultureerbe. Wir charterten eine alte Dschunke für nur 25 €
und gingen an Bord. H. verhielt sich zunächst zögerlich, weil er noch
nie vorher auf einem Schiff war. Aber bald faszinierte ihn die
bezaubernde Wasserlandschaft und er strahlte übers ganze Gesicht. Nach
kurzer Fahrt stoppten wir in einer Bucht und besichtigten die „Hang Dau
Go“ , eine wunderschön illuminierte, riesige Tropfsteinhöhle. Mit
unserer Hilfe schaffte es auch H. ohne Rollstuhl die 90 Stufen hinauf
zum Eingang und besichtigte fasziniert die erste Höhle seines Lebens.
Später steuerte unser Kapitän einen Pfahlbau an, auf dem eine
Fischerfamilie wohnte, die in Meerwasserbassins Fische, Krabben und
Krebse anbot. Wir suchten unsere Mahlzeit aus und übergaben sie der
Besatzung. Bald duftete es köstlich nach Knoblauch und Kräutern und dann
schlemmten wir – ein Fest für Gaumen und Augen! Wieder stellte ich
fest, wie ungezwungen und natürlich Chan mit H. umging. Sie zerkleinerte
seinen Krebs, pulte das Fleisch aus den Zangen, tauchte es in
verschiedene Saucen und fütterte ihn mit Stäbchen. H. hatte noch nie
Krebsfleisch gegessen und stellte verwundert fest, wie gut das schmeckt.
Zurück auf dem Festland zeigt uns der Freund noch eine vorgelagerte
Insel, die über eine Brücke zu erreichen war und die den Gästen einer
neuen Hotelanlage einen traumhaften Ausblick auf dieses landschaftliche
Juwel bot. Auf langen, leeren Strandstücken verkündeten bereits
Schilder, dass in naher Zukunft alles zugebaut sein würde. Wir
plantschten mit den Füssen im Wasser und atmeten noch einmal tief durch,
denn nun ging es wieder in die abgasverseuchte Großstadt zurück.
Auf unseren Touren durch Hanoi landeten wir eines Tages auch am Bai-Man–See, wo gerade eine open-Air-Veran- staltung unter dem Motto „Beauty in Diversity“ stattfand. Die Unicef und andere Organisationen informierten über Hilfen für Behinderte. Wir sahen viele klapperige Rollstühle die sehr nach Eigenbau aussahen. Wie immer wurde H. von vielen Menschen neugierig und freundlich angesprochen. Wir mussten sogar für etliche Fotos inmitten ganzer Familienclans posieren und wurden dafür von den Leuten beklatscht!
Die Rollstuhlfahrer schienen überwiegend Kriegsveteranen zu sein. Ein Invalide in einem selbst gebastelten Rollstuhl fragte: „How much?“ und zeigte auf H’s. ‚Luxusgefährt’. Ich antwortete auf englisch: „15.000 Euro!“ Er zuckte zusammen, schüttelte den Kopf – eine unvorstellbare Summe. Der Vietnamkrieg spielt im Alltagsleben Hanois nach außen keine Rolle mehr. Über diese Zeit sprachen ja auch Chan und Nguyen nicht gern. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Vietnamesen der Meinung sind, wer immer wieder an tragische Ereignisse erinnert, beschwört sie wieder herauf. Wir liefen weiter am Seeufer entlang. Plötzlich endete der Weg am Ufer und wir standen vor mehreren Stufen. H. suchte sich gerade einen geeigneten Anfahrtswinkel, als schon eine Schar Kinder um ihn herumturnte und alle freundlich und hilfsbereit an seinem Rollstuhl zerrten. Alle zusammen schafften wir H. samt Rollstuhl nach oben und wieder einmal waren wir gerührt über die allgegenwärtige Hilfsbereitschaft. Kein Kind wäre auf den Gedanken gekommen, die Hand auszustrecken und dafür etwas zu verlangen. Unterdessen hatte eine europäische Rockband begonnen, Oldies zu spielen und H. und ich ließen uns vom Rhythmus anstecken und wippten im Takt mit. Bald stellte sich H. in seinem Rollstuhl auf und swingte und klatschte mit und lachte über das ganze Gesicht.
Fast jeden Tag wurde in unserem Hotel geheiratet. Die vielen festlich gekleideten Gäste ließen Geldumschläge in eine rote, herzförmige Kiste fallen. Im Reiseführer stand, dass sich viele Paare hoch verschulden, um solche Riesen-Feiern ausstatten zu können, aber tun sie es nicht, gibt es angeblich Unglück! Diese Hochzeiten stimmten H. immer wehmütig und nachdenklich: Ob er auch jemals mit Chan so feiern würde? Für ihn bedeutet die ersehnte Zukunft zum ersten Mal im Leben die Aussicht auf ein bisschen Glück.
Abends, wenn Chan nach der Arbeit ins Hotel kam, brachte sie meist etwas selbstgekochtes mit: Gegrillte Maiskolben oder Frühlingsrollen. Die Verständigung war nicht einfach – Zeichensprache oder Wörterbuch - aber wir kamen klar. Oft gingen wir dann zusammen spazieren. Immer stellte H. die Sensation im Straßenverkehr dar: Jeder lächelte ihn an, berührte vorsichtig den Rollstuhl oder rief ihm irgendetwas zu. Seine Verlobte kaufte fliegenden Händlern immer wieder neue Speisen ab, die sie uns als Kostproben anbot: Ich schmeckte Kohlrabiartiges oder gesüßte Klebreishäufchen. Manchmal führte sie uns in eine der Garküchen. Von unseren Mini-Plastikstühlchen aus, konnten wir die Köchin gut beobachten: Vor ihr ein schmaler Tisch auf dem sie die Teigplatten für die Frühlingsrollen flachklopfte, mit Öl bestrich (aus Topf 1 unterm Tisch), dann mit Gemüse oder ähnlichem füllte (Topf 2 und 3 ). Sodann wanderten die Rollen in eine Pfanne mit Fett auf einem Öfchen, rechts neben ihr, wurden mit Hilfe von Stäbchen gedreht und gewendet, bis sie auf Plastiktellern landeten, die mit einem immer gleichen Lappen nach jeder Benutzung abgewischt wurden. Komplettiert wurde die Mahlzeit mit Reis (aus Topf 4 links neben ihr). Zwischendrin bezahlten die Kunden. Dann nahm sie kurz die Hand aus dem Essen, verstaute die Geldscheine und anschließend strich ihre ölige Hand gleich wieder über die nächste Teigschicht! Als ich die dauerbenutzten Stäbchen sah, kramte ich zum ersten Mal meine eigenen hervor, die ich zur Vorsicht mitgebracht hatte. Aber es schmeckte alles sehr gut!
Der letzten Morgen nahte und H. geriet in wehmütige Abschiedsstimmung.
Er bat den Freund seiner Chan auf vietnamesisch einen Liebesbrief zu
schreiben. Es war rührend und schön zu hören, welche romantischen und
liebevollen Worte er wählte. Zum Schluss malte ich auf den Brief noch
eine großes Herz mit Chan+H. in der Mitte und dann fand H. den Brief
perfekt. Als Chan kam, um sich zu verabschieden und den Brief las,
flossen die Tränen… Wir alle umarmten uns lange und innig, denn wir
waren uns in diesen Tagen so nahe gekommen, wie ich es noch bei keiner
Reisebegleitung erlebt hatte. Auf dem ganzen Rückflug schwärmte H. mir
vor, wie schön das Leben zu zweit sei und wie furchtbar seine bisherige
Einsamkeit. „Jetzt wird mir meine Bude zuhause noch leerer vorkommen!“
seufzte er. „Aber das ist doch nur noch eine Frage der Zeit!“ versuchte
ich ihm Mut zu machen. Ahnte aber gleichzeitig, dass der Kampf mit der
Bürokratie noch lange nicht ausgestanden ist. Am 9. Dezember landeten
wir um 5 Uhr morgens wieder in Frankfurt. Minus
2 Grad erwarteten uns
nach zehn Tagen mit sommerlichen Temperaturen. Wieder zuhause in H.
Heimatort verabschiedeten nun auch wir uns herzlich voneinander. Er
wollte mich gar nicht mehr loslassen… Im Zug nach Berlin zog ich Bilanz
und stellte fest: Von der emotionalen Seite her war die Reise ein
Erfolg, denn H. hatte seine Verlobte wiedergesehen und sie ihm nach so
langer Zeit bekräftigt, dass sie immer noch mit ihm zusammen leben
wolle. Auf der Positiv-Liste der Reise stehen auch das Land und die
Leute: Mit welcher Freundlichkeit und Natürlichkeit sie behinderten
Menschen begegnen – was für ein Kontrast zu Deutschland! Wir hatten
keine einzige unangenehme Situation erlebt. Wenn jetzt noch die
Unterlagen rechtzeitig beisammen sind, könnte alles gut gehen. Aber wird
das so einfach gelingen? Nach drei Monaten sind alle gesammelten
Dokumente wieder ungültig, dann geht der ganze Behördenkrieg von vorne
los! Vielleicht hat es geholfen, dass wir in Hanoi die Pagode des Glücks
besichtigt und um eine glückliche Zukunft gebeten und dafür auch
geopfert hatten…
© Text: Gabriele Hartmann

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Kommentar von Dr.HPWeiss | 2012-01-02
Ein sehr schöner Reisebericht. Aber die Deutsche Botschaft in Bangkok steht da in nichts nach. Osteuropa überschwemmt uns aber alles andere wird zu gemacht.Märkel lässt grüßen.
Kommentar von Ong Xa | 2011-12-04
Tja so freundlich wie Vietnam ist , so Stur stellen sich unsere Botschaften dort vor Ort an. Komisch ist es das selbst die Behörden in Deutschland einem helfen wollen und tun, aber die Vertretungen in V´nam dann voll dagegen arbeiten wie ich aktuell erlebe. Daher habe ich schon mal tratitionell geheiratet und das war supertoll.
Kommentar von alternative products | 2011-10-03
Danke für den guten Bericht. Man lernt auf diese Weise ziemlich viel über Vietnam.
Kommentar von horoscope | 2011-04-12
Ich fand Ihre Website toll, ich wünsche Ihnen viel Erfolg, weil Sie es, viel Glück und Anerkennung verdient für diese wunderbare Seite!
Kommentar von Ulf | 2010-09-25
Ein sehr schöner Reisebericht. Außerdem hab ich erfahren, was mich erwartet, wenn ich meinen Schatz hier her nach Deutschland holen möchte. Im Februar geht es für 5 Wochen nach Ho Chi Minh Stadt. Auch ich sehne mich sehr nach Minh Nguyêt.
Kommentar von Werner Fritzsch | 2010-07-24
Ich hoffe, diese Freundlichkeit auch bald zu erleben. Vietnam per Fahrrad-das wäre es !
Kommentar von Hans Ueli Kühni | 2010-07-07
Kompliment, gut beobachtet, gut gehandelt, gut geschrieben!