Unterwegs im Süden Vietnams
Impressionen einer Reise im Frühjahr 2009
HCMC
Thanh Phô Hô Chi Minh heißt die Stadt offiziell. Fremde kennen sie allenfalls als Ho Chi Minh City, Kenner sagen HCMC. Bei den meisten klingelt es aber erst, wenn der Name Saigon fällt. Dorthin hatten die Franzosen die Hauptstadt „ihres“ Indochina gelegt, solange Nationalarmee und Fremdenlegion mächtig genug waren, es sich untertan zu machen. Als die Kolonialmacht vertrieben war, saß in Saigon die nationale Regierung Südvietnams. Die holte fremde Armeen ins Land, um seine Unabhängigkeit zu bewahren. Am Ende nutzte es nichts und über der Stadt wurde die rote Fahne mit dem gelben Stern gehisst.
Obwohl sie sich auf gleiche Ideen und Ahnen berufen, gibt es eine ganze Reihe von Sozialismen, selbst unversöhnlichen, man kennt das auch von Religionen. Manchmal ist es gar nicht so leicht, zu erkennen, was der eineoder andere Sozialismus überhaupt will oder wollte. In Vietnam springt es in Auge, Ohr und Nase. Das Mottodes hiesigen Sozialismus lautet offensichtlich „jedem sein Mofa, Moped, Motobike“ oder wie immer diese motorisierten Fortbewegungsmittel auf zwei Rädern geheißen werden. Statistisch hat in Saigon schon jeder Zweite ein Kraftrad und damit rechnerisch jede Familie ihr Zweitmoped. In Stoßzeiten gleichen die Straßen der Stadt den verzweigten Armen des Mekongdeltas, der Verkehr rauscht unaufhaltsam, umfließt geschmeidig Hindernisse, bildet Wirbel, staut sich hin und wieder, um anschließend umso heftiger abzulaufen. In Stoßzeiten eine der Hauptstraßen zu überqueren ist allerdings schwieriger und gefährlicher als den Mekong während der Regenzeit.
Ein weiteres Motto scheint zu sein „jedem seine Wohnung“. Im Zentrum der Stadt lässt sich kaum noch ein neues Gebäude unter- bringen. Die Zukunft liegt in den Vororten, Plakatwände, planierte Flächen, Baugruben, Rohbauten allerorten. Die Vision dieser mobilen Immobiliengesellschaft wird deutlich, wenn man mit dem Flieger eine Schleife über der Stadt dreht. Die Straßen einige hundert Meter unter dem Betrachter können das nicht mehr leisten, wofür sie in einem vergangenen Jahrhundert gebaut wurden, den Verkehr kanalisieren. Die Zweiräder fahren in jede Richtung und überall außer an senkrechten Hauswänden. Autos sind noch selten, für die Zukunft wird wohl schon mit ihnen gerechnet. Allenthalben abgesteckte und geräumte Trassen, abschnittsweise schon fertig gestellte Teilstücke sechs- und achtspuriger Autobahnen, Baustellen kilometerlanger Brücken.
Aufbau Ost-Europa, ein Scherz im Vergleich hierzu. Wer wissen will, wie man ein „rückständiges“ Land in die Moderne katapultiert, sollte hier sein Lektionen lernen. Und auch dieuntergegangen Sozialismen hätten sich hieretwas abschauen können. Um real zu sein, braucht ein Sozialismuskonkrete Projekte und Ziele, die dem Menschen etwas Greifbares bescheren, auf die Gefahr hin, dass es ihm weder um einen sozialen noch einen sozialistischen sondern um einen rein individuellen Nutzen geht. Auf dem Bürgersteig nahe beim Kriegsmuseum, das dem Kampf gegen eigene Despoten, fremde Befehlshaber und ungewollte Ideologien gewidmet ist, bietet ein kleiner Elektrohändler in seinem Straßenladen einen Weinklimaschrank an Am nächsten Tag ist er verkauft. Zeichnet sich hier schon das nächste Motto ab „Luxus für alle“? Kann das Sozialismus sein?
Phu Quoc
Phuket aufgepasst, Phu Quoc kommt stark. Der Sozialismus wird es der Monarchie zeigen, im 21. Jahrhundert! Das beginnt der Passagier zu ahnen, sobald die Propeller des Fliegers stille stehen und er sich zur Abfertigung begibt. Ein neuer internationaler Flughafen wird gebaut. Demnächst also direkt ab auf die Insel, ohne den Umweg über HCMC. Kostet nur Zeit und Geld. Wer Strände sucht und Meer, Sonne, Palmen, will erst gar nicht in die große Stadt. Nur der Preis muss stimmen. Außerdem, Phuket kennt doch jeder, aber Phu Quoc?
Phu Quoc also, schräg über den Golf hinter dem Horizont liegt Thailand, Kambodscha direkt davor. Wer eine Vorstellung von Vietnam bekommen möchte, braucht die Insel eigentlich gar nicht zu verlassen. Die Gegensätze des Landes sind hier auf engstem Raum versammelt. Der Fischereihafen mit dem dazu gehörigen Markt zeigt traditionelle Lebensart. So kann man das nennen, man möchte ihn dennoch nur hart gesottenen Liebhabern ursprünglicher Folklore empfehlen. Das Gewässer, über dem er angebracht ist, fließt müde Richtung Meer und schwappt nach wenigen Metern als trübe Suppe im Hafenbecken.
Dort gleich um die Ecke beginnt der Südstrand der Insel, wo sich Hotel an Hotel reiht. Wer als Gastronom nicht früh genug sein Plätzchen in der ersten Reihe gesichert hat, weicht ins zweite, dritte, demnächst wohl vierte Glied aus. Noch weiter im Süden ein Inselparadies, das der Bucht von Halong Konkurrenz macht. Ganz so viele Inseln hat es hier nicht, aber auch entschieden weniger Ausflugsschiffe.
Wer zum Norden der Insel will, muss die Rollbahn umrunden, auf der er gerade gelandet ist. Dort geht es ruhiger zu. Gleich hinter dem Fischerdorf, das auch Hauptort der Insel ist, liegen die Bungalows von Resorts, verstreut unter Palmen oder sonstigen Bäumen, hin gekleckert entlang der Beach, die mal ordentlich lang ist und manierlich breit mal schroff und felsig. Richtig einsam ist es hier auch schon nicht mehr, doch man kann sich aus dem Wege gehen. Wer will, noch und noch eine Beach weiter, bis es niemanden mehr gibt, um ihm aus dem Weg zu gehen, noch zumindest.
Gleich hinter dem Maschendraht, der den Flughafen umzäunt, liegt eine Geisterstraße, links und rechts umsäumt von Peitschenlaternen, grobe Richtung Nord. Wohin sie einmal führen wird, weiß keiner. Noch endet sie abrupt vor dichtem Gestrüpp. Einen Kilometer weiter steht ein riesiges Hinweisschild, das potentielle Käufer von Ferienhäusern in mehreren Sprachen, auch deutsch, auf Schnäppchen mit unverbaubarem Meerblick hinweist. Die geteerte Stichstraße, die vom Schotterhighway abgeht, ist schon fertig. Urbanisierungsprojekte gibt es noch mehr, laut Großplakaten, vom Ferienreihenmittelhaus bis zur allein stehenden Designervilla und neue Resorts kündigen ihre baldige Eröffnung an. Die Fläche für den Golfplatz der anspruchsvollen Klientel wird gerade frei gemacht und aufgeräumt. 18 Löcher sollen ökologisch vertretbar im Boden versenkt werden.
Ganz im Norden geht es noch urtümlich zu. Die Menschen wohnen in einfachen Hütten am Strand entlang. Zwischen ihnen endet die Dorfstraße. Die ist zwar recht eng aber umso belebter. Geschäfte, Werkstätten, Bars, Lagerräume bunt durcheinander, neben Häusern, vor denen Netze in der Brise schwingen und Boote im Wasser schaukeln. Über das Sträßchen sind Plastikplanen gespannt, die früher zu unterschiedlichsten Verpackungszwecken dienten. Sie bilden ein bunt geschecktes Schattendach, das den zu groß geratenen Fremden zwingt, den Kopf zu neigen. Die provisorische Promeniergasse sieht erbärmlich ärmlich aus, ist aber an- geblich Fassade. Wer hier sein Boot zu Wasser bringt, tut es nicht, um mit einigen mühselig gefangenen Fischen zurück zu kommen. Kambodscha ist in Sichtweite. Was liegt näher als reger Warenverkehr, insbesondere mit Gütern, die im offiziellen Handel teurer oder nicht erhältlich sind. Hier wird geschmuggelt, was naturgemäß heimlich geschieht, auch wenn jeder davon weiß. Selbst in diesem Favela-Bazar weist jedes noch so kleine Café auf freien Internetzugang hin. Brauchen Schmuggler aktuellste Informationen, um ihre Geschäfte zeitnah am Markt orientieren zu können? Möglich, dem Tourist mit Laptop im Gepäck wird es egal sein. Er ist auf Phu Quoc - und nicht nur dort – besser versorgt als in vielen Regionen der so genannten Ersten Welt. Hier kann er sich im übrigen eines der Mopeds leihen, die ihm in HCMC jegliches sich Fortbewegen zur Hölle machen, um damit auf wenig befahrenen Straßen stressfrei die Insel zu erkunden.
Ha Tien
Der Reiseführer spricht von einem der schönsten Orte Südvietnams, einem Touristenzentrum mit Tradition seit den Zeiten der Franzosen, an breitem Strand gelegen. Alles Käse. Was es hier gibt, sind einige ganz hübsche, teils renovierte Häuschen, wohl so um 1900 gebaut, Stil Ferienvilla subalterner Kolonialbeamter. Abends wird an der Strandpromenade, die am Flussufer liegt, aufwändig der Nachtmarkt errichtet. Wovon die Händler leben, bleibt unklar, mehr Flaneure als Käufer. Lokaltypische Restaurants sind rar, außer man möchte auf Kinderstühlen am Straßenrand sitzen und Durchgegrilltes zu sich nehmen. In einem großen Speisesaal sitzt eine einheimische Familie auf hochlehnigen Stühlen mit geklöppelten Schonbezügen. Die müssen doch bescheid wissen, wo man am besten isst. Möglich, aber vielleicht wollten sie einmal Abwechslung von der Küche, für die das Land zu recht gelobt wird. Der Reis ist zu einem einzigen Klumpen verkocht, das Schweinefleisch süß-sauer schmeckt wie beim Chinesen in Neustrelitz weder nach dem einen noch nach dem anderen, beim Polyp mit Ingwer ist letzterer so scharf, dass sonst nichts zu schmecken ist. Nun gut, der Ort liegt in einem der letzten Winkel des Landes, vielleicht wird’s ja noch.
Morgens um 5 Uhr Aufwachen. Lässt der Nachtportier im Empfang das Radio auf voller Lautstärke laufen? Probt im Nachbarzimmer jemand einen deklamatorischen Vortrag? Deutlich sind aufmunternde Worte im heimischen Idiom zu hören. Ohne ein Wort zu verstehen, klingt das nach programmatischer Rede. Es kommt durchs offene Fenster. Der suchende Blick vom Balkon entdeckt schließlich einen Lautsprecher am Fahnenmast auf der Blumenrabatte der Promenade. Öffentlicher Rundfunk im wahrsten Sinne des Wortes. Nach zehn Minuten wechselt das Programm, jetzt sind es eindeutig Kommandos zum Frühsport. Kriegt man sofort mit, auf der ganzen Welt, in jeder Sprache, Frühsportanimationsesperanto. Anschließend zackig beschwingte Instrumentalmusik, durchmischt hin und wieder mit Liedern. Die kommen einem seltsamerweise auch irgendwie bekannt vor. So klingt es nun mal, wenn gemischte Chöre den gesellschaftlichen Fortschritt besingen, zu gemeinsamer Arbeit an der Gestaltung der Zukunft ermuntern und das Erreichte preisen. Reggae und Soul erkennt man ja auch an ihrem charakteristischen Sound, selbst wenn man den Text nicht versteht.
Als der Bus den Busbahnhof verlässt, hat das Programm zu fernöstlichen Schlagern gewechselt. Irgendwann auf der anderen Seite des Flusses, als die Häuser nicht mehr so dicht bei dicht stehen, fährt er auch an einem Strand vorbei. Der ist breit, einige Schatten spendenden Palmen stehen verunsichert herum, dazwischen ärmliche Fischerhütten auf graubraunem Sand, den reichlich grünlich schimmernde Tümpel und Plastikreste in allen Farben zieren. Erste Zweifel am Reiseführer kommen auf.
Chau Doc
Das Hotel an der Ecke ist voll, lauter Langnasen. Wurden am Busbahnhof abgefangen oder am Schiffsanleger. Das System nennt sich Hotelabholservice, hat aber durchaus Ähnlichkeit mit einer Razzia. Komischerweise scheint gegenüber das „Mini Hotel“, das mit allen erdenklichen Dienstleistungen, die über das Zurverfügungstellen von Ruhestatt und fließendem Wasser hinausgehen, leer zu sein. Ist der räudige Hund, der auf der Straße vor ihm auf und ab läuft, daran schuld?
Beim Empfang neben dem Kühlschrank für Sprite, Coke, Kokosnüsse, Tintenfische und weiteres, hängt ein großformatiger, gold- farbener Rahmen mit üppiger, barocker Ornamentik. In ihm strahlen Leonardo di Caprio mit Hosenträgern und Nicole Kidman mit passendem Blick, wobei sie unterleibsmäßig mit der Titanic verwachsen sind. Ist das etwa das Originalplakat oder künstlerische Verfremdung und wenn ja, ist es übersteigerte Verehrung oder abgrundtiefe Gehässigkeit?
Ein Hinweisschild teilt mit, dass das Haus zwischen 9 und 10 Uhr am Abend schließt und man den verehrten Gästen selbstverständlich ab 5 Uhr morgens zur Verfügung steht. Vietnam ist frühaufstehend. Die Touristen wohl oder übel auch. Am nächsten Morgen um 6 Uhr sind im Hotel gegenüber zum Frühstück alle Tische voll besetzt. War gar nicht leer. Die Gäste waren nur beim Surfen, in ihren Zimmern, im Internet.
Jeder, der zu Wasser und wohl mindestens jeder zweite, der zu Land nach Siem Reap unterwegs ist, um Uncle Vat und Uncle Tom, so etwa hören sich Angkor Vat und Angkor Tom hier an, zu besuchen, kommt durch diesen Ort. Das gibt ihm etwas von einer modernen Karawanserei. Der rot-weiß gestreifte Sendemast der Postzentrale ersetzt das Minarett, elektromagnetische Hupen Eselsgeschrei, Zweitaktmief anstelle von Kamelmist, Straßenstaub statt Wüstensand, Drachenfrüchte für Datteln. Reine Geschmackssache, was einem lieber wäre, selbst wenn die Wahl rein theoretisch ist. Der Betrag auf der Rechnung des Hotels ist astronomisch. Schnell kommen Zweifel auf, ob das mit rechten Dingen zugeht. Die Verwirrung wird perfekt, wenn mündlich nur ein Bruchteil des Betrags genannt wird. Irgendwann klärt sich das. Die Tausender werden aus konversationsökonomischen Gründen weg gelassen. In Wirklichkeit lebt der Tourist billig, auch wenn die kleinste Stückelung der nationalen Währung „Dong“, die er je in die Finger bekommen wird, mindestens ein Hunderter ist. Wie der Einer aussieht, wissen selbst Banker nicht. Leben Vietnamesen gern auf großem Fuß, wenn auch nur illusionär? Mag sein, aber als Währung ist der Vietdong ähnlich robust, wie der Vietcong als Kämpfer war. Er hält sich tapfer bei über 20.000 Dong für einen Euro. Ganz anders nebenan in Kambodscha. Dort galoppiert die Inflation so schnell, dass niemand mehr mit der Berechnung von Wechselkursen nachkommt. Das erspart man denn auch freundlicherweise den Touristen und rechnet alles in Dollar ab. Angeblich gibt es aber auch eine nationale Währung.
Angkor Vat
Wer in diesem Teil der Welt reist, für den ist Angkor Vat ein Muss. Das glauben wohl viele, aus welchem Grund auch immer. Der Reiseführer spricht von Millionen Besuchern jährlich. Schlimme Befürchtungen also beim Aufbruch zum Weltkulturerbe. Die leeren Parkplätze vor dem Eingang signalisieren Entwarnung. Anfang März ist die Besucherhochsaison eigentlich noch nicht vorbei. Wahrscheinlich werden die in Folge der vom Weltfinanzmanagertum ausgelösten Krise knapper werdenden Mittel doch am ehesten bei den rein geistigen Genüssen eingespart. Der Himmel spielt mit und zieht seinen Wolkenvorhang zu. So wird der lange Weg durch die gut aufgeräumten aber irre weitläufigen Ruinen zum entspannten Flanieren. Der Urwald ist weiträumig zurück geschlagen und gefegt. Nichts stört den Blick des Betrachters. Die Besucher verlieren sich in und zwischen den Gebäuden. Nur das immer wieder auf Geheiß eines unsichtbaren Dirigenten anschwellende Zikadenkonzert lässt den Zustand erahnen, wie ihn die „Entdecker“ vorfanden und immer wieder beschrieben. Die Ausmaße der Anlage sind überwältigend. Cluny, Melk, Chorin passen zusammen in Angkor. Aber hier stehen mehrere Vats nebeneinander. Gut, dass man mit dem Fahrrad gekommen ist. Und eine Dreitageskarte gelöst hat.
An den Wänden kilometerlange Actionreliefs. Nicht enden wollende Schlachten heldenhafter Kämpfer gegen Dämonen und allerlei böse Wichte. Alle Mittel und Waffen sind recht. Der Affenkönig führt seine Armee an vorderster Spitze in den Kampf, Hanuman geh Du voran. Am Ende wird Vishnu doch wohl siegen. Hollywood in Angkor Vat, Kino verkehrt allerdings. Bewegte Bilder sieht der Zuschauer nur, wenn er selber läuft.
Für das Abendprogramm lockt Siem Reap mit seinem „Old Market“. Was immer das einmal gewesen sein mag, irreführender könnte der Name kaum sein. Live music, happy hour, kobernde Rikschafahrer, johlende Biertrinker, Speisekarten für jeden wie für gar keinen Geschmack, Remmidemmi international. Jeden Moment kann Hanuman mit seiner Truppe um die Ecke kommen. Zum Glück gibt es auch das heiter-ruhige Restaurant im begrünten Hinterhof. Man muss es nur finden.
Nha Trang
Aus den Nachrichten der Kriegsberichterstattung der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts ist der Name noch im Ohr Wenn die Erinnerung nicht täuscht, war hier ein Stützpunkt der US Army. Die fast im Stadtzentrum gelegenen verwaisten Landebahnen, der in der Deckung vorgelagerter Inseln liegende Hafen Cam Ranh geben davon Zeugnis. Damals werden sich Tausende von GI’s am Strand im Wasser abgekühlt und in Bars und Diskotheken erhitzt haben, wenn sie nicht damit beschäftigt waren, diejenigen zu jagen, die ihre Art von Kapitalismus bekämpften und ihnen heute vormachen, was eine blühende Wirtschaft ist. An der Strandpromenade steht ein Hotel steht neben dem anderen. Spanische Verhältnisse sind das noch nicht, aber stille Buchten mit einsamen Stränden als Geheimtipp gibt’s schon lange nicht mehr.
Am Berghang der Insel gegenüber der Strandpromenade prangt in Riesenlettern ein Schriftzug. Irgendwie kommt einem das Arrangement bekannt vor. Richtig, in den Bergen oberhalb von Los Angeles kündet eine Stellage von der großen Illusionsfabrik Hollywood. „Vinpearl“ heißt es hier, weiß, riesig, ordentlich. In den am Fuße des Berges liegenden, weitläufigen Gebäuden wird Wellness total produziert. Dort werden alle Sinne des Menschen berührt, real und ganz körperlich. Was sind im Vergleich dazu die mageren Ersatzgenüsse virtueller Leinwandwelten?
Ins Wellnessparadies und wieder zurück kommt man quer über die Bucht mit einer Seilbahn, unter der Containerschiffe durchkommen, wenn sie den Hafen ansteuern. Die sind ganz schön hoch. Auf Außenreede liegt ein Kreuzfahrer. Heute haben die Passagiere Ausgang. Landgang nennt das der Kenner. Deshalb ist die Stadt verstopft mit Bussen, die an den Frontscheiben deutlich erkennbare alpha-numerische Zeichen tragen. Buchstaben von A bis Z und dahinter Zahlen von 1 bis 9. So lässt sich der Bus leichter wieder finden, von Betagten, die sich in der Fremde verlieren, weil das Gedächtnis nachlässt und Betuchten, deren persönlicher Betreuer zu Hause blieb, weil Krise ist. Also läuft man dem Führer hinterher, der marschiert vorneweg mit hoch erhobenem Schild.
Hauptziel der Pilgerströme ist der Markt. Was macht ihn so interessant? Ein Markt wie viele andere in Vietnam. Aber da kommen halt keine Kreuzfahrer hin. Er muss das krasse Kontrastprogramm sein zum klimatisierten Ozeanriesen mit geradlinigen Gängen, wohl organisierten Abläufen und diskretem Personal. Offensichtlich haben die Passagiere davon irgendwann die Nase voll und pflegen die Vorstellung einer echten Abwechslung, zumindest solange, bis sie sich realisiert. Die gewieften Rikschafahrer wissen, dass alles Mühen der Führer, die Schäflein aus dem schwülheißen Labyrinth vollzählig zurück zum Bus zu bringen, vergeblich ist. Sie bieten für einen Dollar die Rückfahrt zum richtigen Bus an. Der steht um die nächste Ecke.
Vung Tau
Von Nha Trang nach Vung Tau gibt es keinen direkten Bus des öffentlichen Personenverkehrs. Das behaupten alle, an der Hotelrezeption, im Reisebüro, beim Touristen-Info oder wo auch immer Sachverstand zu vermuten ist. Selbst auf dem Busbahnhof, allerdings leidet die Verständigung hier stark an mangelnden Englischkenntnissen der Ansprechpartner. Aber sollte man am zuständigen Fahrkartenschalter nicht „Vung Tau Bus“ verstehen, selbst wenn der Ausländer, der dies ein ums andere Mal wiederholt, der komplizierten Regeln von Artikulation und Betonung des Vietnamesischen nicht mächtig ist? Glücklicherweise schreibt es sich in lateinischen Buchstaben und zufälligerweise steht gerade ein Bus herum, dessen Hinweisschild als Fahrtziel „Vung Tau“ angibt. Stoischer Wille und zähe Hartnäckigkeit führen am Ende doch zum Ziel. Darauf hat schon Onkel Ho gesetzt.
Aber wieso ist eigentlich die Verständigung häufig so schwierig? Behaupten viele einfach dreist, wenn man sie fragt, sie sprächen Englisch? Verstehen sie die Frage nach Englischkenntnissen nicht einmal und nicken gar nicht zustimmend sondern nachdenklich? Nutzen sie schamlos jede Chance, sich eine kostenlose Nachhilfe mit praktischer Übung zu erschleichen? Möchten sie aus Höflichkeit nie eine Antwort schuldig bleiben? Gibt es neben dem amerikanischen und australischen auch ein vietnamesisches Englisch, das der Ungeübte nur gebrochen versteht? Alles gut möglich, aber hin und wieder drängt sich ein anderer Verdacht auf. Der Gesprächspartner spricht ausreichend Englisch und versteht im Grunde die Frage. Allerdings nimmt er die Antwort als Gelegenheit, genau das zu sagen, was er sowieso, auch ohne Frage, loswerden wollte. Also, was den Bus nach Vung Tau anbetrifft. Das Hotel will den Gast behalten und nicht an einen anderen Badeort abgeben. Das Reisebüro will den Reisenden in einen der privaten Luxus-Busse setzen. Die Tourismusmanager halten es für nicht zielführend, wenn der Ausländer zusammen mit der lokalen Bevölkerung durchs Land schippert. Am Busbahnhof schließlich ist der Nachtbus nach Saigon gerade abfahrbereit und hat noch zwei Plätze frei, die darauf warten, verkauft zu werden. Und deshalb gibt es eben den direkten Bus von Nha Trang nach Vung Tau einfach nicht, der morgens pünktlich um acht losfährt.
Vielleicht ist es mit Vung Tau aber auch ganz anders. Alle wollen nur das Beste für den blauäugigen Touristen, sie können es nur nicht so direkt sagen. Der Reiseführer kehrt wieder einmal den Glanz des Ortes zu Zeiten der Franzosen hervor, der bis auf den heutigen Tag ausstrahlt. Gleichzeitig werden Ölbohrinseln vor dem Strand angekündigt. Beides sucht der Reisende vergeblich. Nun ist es gewiss, dieser Reiseführer ist wie viele andere zur Zeit seines Erscheinens bereits veraltet, falls die Autoren überhaupt jemals vor Ort recherchiert haben. In Zeiten des Internet ist die Versuchung groß, sein Wissen aus allerlei mehr oder minder verlässlichen Quellen zu speisen und die Orte bequem per „google earth“ zu betrachten statt sie umständlich zu besuchen. Das spart Zeit und Geld. Im Begleittext bedauert man eventuelle Lücken und fordert den Leser auf, sie durch eifrige Zuschriften zu schließen. Wenn genügend Fehlermeldungen und Korrekturen eingegangen sind, druckt man jeweils eine neue Auflage. Zehn Jahre später sind mit der fünften Auflage die gröbsten Mängel behoben. Die Aktualität hat allerdings im umgekehrten Verhältnis zur Berichtigung abgenommen.
Dem Reisenden sei daher empfohlen, auf den Kauf von Reiseführern zu verzichten, selber im Internet zu suchen und sich ansonsten Tipps von anderen Reisenden einzuholen oder bei „lonley planet“ oder „sinh café“. Letztere Empfehlung steht nicht ohne die Warnung, dass einheimische Reisebüros und Tourvermittler sich unter beider Etikett gern als neutrale Berater ausgeben, in Wirklichkeit aber nur ihre eigenen Angebote losschlagen wollen. Erfindungsgeist und Umtriebigkeit sind unerlässliche Begleiter jeglichen Erfolgs. Warum sollte das in Vietnam anders sein als im Rest der Welt? Vung Tau gilt als bevorzugtes Ziel einheimischer Touristen. Das bekommen die wenigen ausländischen Touristen, die sich hierher verirren, zu spüren. Jeder Dienstleister dieser florierenden Hafenstadt muss etwas von unglaublichen Preisen aufgeschnappt haben, die ihnen andernorts abgeknöpft werden. Folglich sind die Preise von Hotels und Restaurants spürbar höher als sonst im Land. Es mag an der Nähe zu Saigon liegen, an der Qualität jedenfalls nicht. Der Personentransport wird hier als Wegelagerei betrieben. Rikschafahrer nennen vor der Abfahrt einen Preis, verlangen am Ankunftsort einen hundertmal höheren, sprechen plötzlich keine Silbe Englisch mehr und wie aus dem Nichts erscheinen von allen Seiten weitere Rikschas, die ihren Kollegen lautstark unterstützen. Taxifahrer haben Aufkleber am Armaturen- brett, die den offiziellen gleichen, auf denen der Faktor angegeben ist, mit dem der vom Taxameter angezeigte Preis zu multiplizieren ist. Nur dass ihr Multiplikator um ein oder zwei Zehnerpotenzen darüber liegt. Es hat schon einen gewissen folkloristischen Wert, wenn sich direkt neben der Polizeistation ein Alter mit Ho Chi Minh Bart in die Hausecke drückt, drei tiefe Züge aus der Opiumpfeife nimmt und sich dann scheinbar ungerührt wieder zu seinen Platz auf dem Bordstein begibt. Aber das reißt den Rest nicht raus. Wanderer, kommst Du nach Vung Tau, dreh schnellstens wieder um.
Con Dao
Wie kommt man nach Con Dao? Mit Schwimmen jedenfalls nicht. Gerade wegen ihrer Lage weit vor dem Festland ist die Insel ja zur Gefängnisinsel gemacht worden. Erst von den Franzosen, die sich einiges einfallen ließen, um unliebsamen Zeitgenossen den Aufenthalt auf der Insel zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen und später von den Südvietnamesen und ihren amerikanischen Beratern. Was der Tourist heute sucht, Sonne pur, wurde in so genannten Solarien geboten, Gefängniszellen mit drei Meter hohen Wänden, ohne Dach, Sonnencreme und Getränkeautomat. Vor sengenden Sonnenstrahlen, die ohne jeglichen Schatten erbarmungslos von oben auf sie schienen, blieben die Insassen der Tigerkäfige bewahrt. Nicht aber vor launischen Wärtern. Die liefen auf stabilen Eisengittern über ihren Köpfen herum und je nach Laune stocherten sie mit langen angespitzten Bambusstangen nach den dicht Gedrängten oder kippten Eimer mit ungelöschtem Kalk über ihnen aus. Wer damals auf die Insel kam, brauchte sich jedenfalls keine Gedanken darüber machen, wie. Die Anreise war bestens organisiert.
Heutzutage soll es zweimal wöchentlich eine Fähre geben, die angeblich über Monate im Voraus ausgebucht ist. Mehr als Hundert Plätze soll sie bieten, Schlafplätze, da sie nur nachts verkehrt. Es würde nicht wundern, wenn das Schiff auf „Fliegender Holländer“ getauft wäre. Eines dieser Geisterschiffe, die immerzu auf dem Wasser unterwegs sind, aber nur alle paar Jahre an Land festmachen. Jedenfalls müsste die Ankunft eines ganzen Schiffes voller Reisender auf dieser Insel auffallen. Der größte hier verkehrende Bus besitzt eine Kapazität von rund 30 Passagieren. Ansonsten fährt keine Handvoll Kleinbusse herum. Die Zahl der PKW’s ist begrenzt. Taximopeds nehmen jedes nur einen Fahrgast mit. Sobald diese ominöse Fähre mit ihren ausgebuchten Plätzen anlegt, wäre so ziemlich jedes Fahrzeug mit Verbrennungsmotor unterwegs, um die Passagiere abzuholen, erst in die eine, dann in die andere Richtung. Unmöglich, diese Kavalkade nicht zu bemerken. Wie auch immer, der ausländische Tourist bekommt sie nicht zu Gesicht, weder die Fähre noch die vielen Neuankömmlinge. Er nimmt denn auch den Flieger auf die Insel, nachdem er endlich heraus bekommen hat, dass das Tragflügelboot, von dem er wiederholt gelesen und gehört hat, schon vor drei Jahren den Dienst einstellte.
Die Insel selber macht zu alldem gute Miene. An den Hängen wuchert der Wald, in den Tälern werden Obst, Gemüse, Getreide kultiviert. In einem kleinen Naturpark gibt es sogar Affen. Vor dem Hotel, hinter der Promenade Strand links, Strand rechts. Gleich nach der Ankunft am Nachmittag noch ein Bad im chinesischen Meer. Das Wasser hat sprichwörtlich Badewannentemperatur. Nach dem Aufstehen schwimmen statt duschen, denkt der glückliche Urlauber. Am nächsten Morgen duscht er dann doch wie gewöhnlich. Nicht ohne vorher den Reiseführer verbrannt zu haben. Der Strand ist jetzt breiter als länger. Von zwei Kilometer Watt bei Ebbe war nichts zu lesen. Wenn der Autor hier gewesen wäre, hätte er es eigentlich merken und erwähnen können, selbst wenn das einige Zeit her ist. Das Meer geht schon seit Jahrtausenden regelmäßig baden und kehrt anschließend wieder zum Strand zurück. Das ist allgemein bekannt. Aber wie kann man ahnen, dass die gepriesene Bucht ein Wattenmeer ist? Nicht, dass die Insel deshalb weniger interessant wäre. Man möchte nur die ganze Wahrheit erzählt bekommen.
Vietnam hat mit den unschuldig-verträumten Urlaubsparadiesen, von denen Farbprospekte und Reisebücher voll sind, nicht mehr allzu viel zu tun. Wer die sucht, kommt wohl 20 Jahre zu spät. Faszinierend ist das Land trotzdem und Badestrände kann man reichlich abklappern. Nur nicht alles glauben, was darüber geschrieben steht, sonst droht Enttäuschung. Und keine Berichtigung, überhaupt nicht den geringsten Hinweis an den Autor des Reiseführers, sonst droht eine Neuauflage.
© Text und Fotos: Prof. Werner Warmbier
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