vietnamesisch-chinesische Beziehungen Teil 1
Anfänge
Von Beginn der vietnamesischen Geschichtsschreibung an bestanden ständig Kontakte und Beeinflussungen der beiden benachbarten Länder China und Vietnam, die sich bis in die heutige Zeit hinein erstrecken. Für die prähistorische Zeit Vietnams gibt es kaum Aufzeichnungen. Erst mit dem Eindringen der Chinesen im -2. Jh. beginnt die schriftlich dokumentierte vietnamesische Geschichte, und zwar in chinesischer Geschichtsschreibung. So wird im historiographischen Standardwerk Shiji (-1.Jh.) berichtet, dass die Viet-Völker ihren Körper tätowierten und ihre Haare schnitten. Entstanden sind die Vietnamesen nach Auffassung heutiger Forscher aus Einwanderern sino-mongoloiden Ursprungs, den Yue (= Viet) aus den heutigen chinesischen Provinzen Sechuan, Yünnan, Guizhou, Guangxi, Guangdong, Fujian und Zhejiang, sowie den Thai, die sich mit der austro-indonesischen Urbevölkerung mischten. Im Laufe der Jahrhunderte drangen immer wieder chinesische Flüchtlinge aller Stände, dem starken Druck in ihrer Heimat ausweichend, in Vietnam ein, vermischten sich mit dem einheimischen Volk und trugen immer mehr zur Sinisierung der Vietnamesen bei. Den ersten – erfolglosen - Versuch einer Eroberung Vietnams machte im Jahr -221 der erste chinesische Kaiser Qinshi Huangdi. Erst beim zweiten Angriff -214 gelang es dem chinesischen Heer, Nord- und Mittelvietnam zu erobern und in mehrere Verwaltungsbezirke aufzuteilen. Beim Niedergang des chinesischen Qin-Reiches machte sich der chinesische General Zhao To (vietn. Triệu Đà) selbständig und begründete ein autonomes Fürstentum, das bis zum Jahre -111 von der Dynastie Zhao (Triệu) regiert wurde. Im gleichen Jahr gelang es dem chinesischen Kaiser Wudi, Vietnam zu besiegen und es als Provinz Jiaozhi seinem Han-Reich einzugliedern.
Das chinesische Jahrtausend
Von diesem Zeitpunkt an blieb das Land ein Jahrtausend hindurch unter chinesischer Oberhoheit. In der Folgezeit übernahm die vietnamesische Bevölkerung vieles von den Chinesen, sowohl auf politischem, wirtschaftlichem und sozialem als auch auf geistes-wissenschaftlichem Gebiet. Neben verbesserten Methoden des Reisanbaus, der Metallschmelze und der Keramik wurden auch der Konfuzianismus und vor allem zahlreiche politische Organisationsformen aus China eingeführt. Es wurde eine Bürokratie nach chinesischem Muster errichtet und ein dem chinesischen ähnliches Feudalsystem aufgebaut. Die chinesische Schrift, die damals bereits einige tausend Zeichen umfasste, wurde von den Vietnamesen übernommen und zur Amtssprache gemacht, die sie bis ins 20. Jh. hinein blieb. Mit der chinesischen Schrift wurden auch die philosophischen Werke aus China, unter ihnen besonders die konfuzianischen Schriften, in Vietnam bekannt gemacht und bildeten, genau wie in China, bis ins 20. Jh. hinein die Grundlagen der Staatsprüfungen für Beamte. Durch Ablegen dieser Staatsprüfungen konnten vietnamesische Gelehrte im gesamten chinesischen Kaiserreich zu hohen Beamtenwürden aufsteigen. Neben dem Konfuzianismus, der vor allem von der gebildeten Oberschicht aufgenommen wurde, drangen aus China auch Buddhismus und Daoismus nach Vietnam ein und wurden vorwiegend von den breiten Massen übernommen.
Trotz dieser vielfältigen Durchdringung und Beeinflussung wurde das vietnamesische Volk während der chinesischen Herrschaft jedoch nicht vollkommen assimiliert. Zwar wurde es in hohem Maße sinisiert, konnte jedoch seine völkischen Eigenheiten bewahren und sich immer wieder gegen die Chinesen zur Wehr setzen, was sich in ständigen Freiheitsbewegungen und Aufständen gegen China äußerte. Für das Misslingen der Assimilierung mögen hier nur die drei wichtigsten Gründe genannt werden:
- die große geographische Entfernung, die eine ausreichende Kontrolle durch die chinesische Zentralregierung unmöglich machte;
- die ständigen Machtkämpfe in China selbst, die zeitweilig alle verfügbaren Kräfte im Lande bündelten;
- die bereits vorhandene vorhistorische Kultur der alten vietnamesischen Ureinwohner- stämme, die sich noch teilweise behaupten konnte.
Wiederholte Versuche der Vietnamesen, sich von der Chinaherrschaft zu befreien, verliefen zunächst ergebnislos. So die Revolte unter Lý Bon, die zur Errichtung der kurzlebigen Dynastie Lý im 6. Jh. führte, und der Aufstand in Thanh Hóa (722), der ebenfalls erfolglos blieb. Erst im 10. Jh., als die chinesische Tang-Dynastie am Ende ihrer Macht war, gelang es den Vietnamesen, sich unter ihrem Anführer Ngô Quyên unabhängig zu machen. Im Jahr 939 wurden die Chinesen endgültig besiegt und aus dem Lande vertrieben. Damit war ihre tausendjährige Herrschaft in Vietnam beendet und eine wesentliche Epoche der vietnamesischen Geschichte abgeschlossen. Nach dem Tode Ngô Quyêns zerfiel Vietnam zunächst wieder in zwölf Einzelstaaten, die sich um die Macht im Delta des Roten Flusses stritten, jedoch von Đinh-bộ-Lĩnh (967-979) wieder geeint und zum Königreich vereinigt wurden. Die Dynastie Linh bestand nicht lange, aber von jener Zeit an datiert die einheimische Monarchie in Vietnam, u.a. die Dynastien Lý, Trân und Lê.
Loslösung von China
Nach der Loslösung Vietnams aus dem Verband des chinesischen Kaiserreiches wurde von diesem mehrfach der Versuch unternommen, den südlichen Nachbarn wieder unter seine Oberhoheit zu bringen. 981 wurde eine chinesische Invasion vom vietnamesischen Heerführer Lê Hoàn zurückgeschlagen. Und im 13. Jh. gelang es den Trân dreimal, Angriffe der Mongolen abzuweisen und so die Selbständigkeit ihres Landes zu wahren. Die politische Loslösung von der chinesischen Herrschaft bedeutete aber keineswegs eine Distanzierung von chinesischen Einflüssen, die vielmehr weiterhin sehr stark blieben. Das chinesische Regierungs- und Verwaltungssystem wurde von den vietnamesischen Herrschern beibehalten. Ebenso blieb die feudale Gesellschaftsordnung bestehen. Der Konfuzianismus war weiterhin Staatsphilosophie, was besonders in der Errichtung eines Konfuziustempels in Hanoi im 11. Jh. sichtbaren Ausdruck gewann. Es fanden weiterhin Prüfungen in der Kenntnis der konfuzianischen Klassiker statt, durch die Beamte für die militärische und zivile Verwaltung ausgewählt wurden. Obwohl eine eigene vietnamesische Schrift, die chũ nôm, entwickelt wurde, blieb die chinesische Zeichenschrift weiterhin Amts- und Literatursprache.
Trotz immer wiederkehrender Auseinandersetzungen zwischen China und Vietnam entwickelten sich ganz allmählich normale Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Die vietnamesischen Herrscher sandten in regelmäßigen Abständen symbolische Tributgeschenke in Form von u.a. Gold, Elfenbein und Zimt nach Peking. Dafür gewährte ihnen der chinesische Kaiser das Siegel der Investitur. Neben den diplomatischen Beziehungen standen auch wirtschaftliche Kontakte im Vordergrund, die sich jedoch erst im 18. und 19 Jh. ausweiteten. Dem Druck aus dem Norden ausweichend, kamen auch immer wieder chinesische Flüchtlinge nach Vietnam und wurden dort ansässig. Nach seiner Loslösung vom chinesischen Kaiserreich versuchte Vietnam, sich weiter nach Süden auszubreiten und gleichzeitig die landeseigenen Gebirgsvölker die Mủòng, Thái, Thổ und Nùng zu unterwerfen und so das ganze Land zu einen.
Nachdem die Trân-Dynastie zu Beginn des 15. Jh. gestürzt worden war, versuchte der neue Herrscher den chinesischen Einfluss einzudämmen und insbesondere die vietnamesische Sprache zur Amtssprache zu erheben. Doch war seinen Bestrebungen kein Erfolg beschieden. Der chinesische Ming-Kaiser Yu machte sich die Uneinigkeit in Vietnam zunutze, drang 1407 in das Land ein und brachte es abermals unter die chinesische Herrschaft, die jedoch diesmal nur von kurzer Dauer war. Die vietnamesischen Bauern setzten sich gegen die drückenden Steuern und Frondienste der Chinesen zur Wehr und konnten 1427 unter der Führung von Lê Ḷ̣ỏi die Hauptstadt Hanoi zurückerobern. 1428 machte sich Lê Ḷ̣ỏi zum König und begründete die Lê-Dynastie, die bis 1804 bestand. Aber auch er stellte die Ordnung nach chinesischem Muster wieder her, Chinesisch blieb weiterhin Amtssprache, und auch die dreijährlichen Tributgesandtschaften nach Peking wurden wieder aufgenommen. Die Dichtung in chinesischer Sprache erlebte in Vietnam eine Blütezeit, doch auch Gedichte in vietnamesischer Sprache erschienen damals (im 15./16. Jh.) erstmalig.
Ankunft der Europäer
Im 16. und 17. Jh. kamen die Europäer nach Vietnam. Es waren vorwiegend Missionare und Kaufleute, die sich dort niederließen. In der Folgezeit traten viele vietnamesische Bauern zum katholischen Glauben über und lehnten den Konfuzianismus ab. Die Missionare entwickelten bald ein vereinfachtes Schriftsystem für die vietnamesische Sprache, quôc ng̃u genannt, eine Transkription der vietnamesischen Sprache in das europäische Alphabet, aus dem die heutige vietnamesische Schrift hervorgegangen ist.
Nach mehreren Jahrhunderten innenpolitischer Kämpfe gelangte im Jahre 1804 die Dynastie Nguyên unter Gia Long ans Ruder. Um diese Zeit etwa erhielt das Land den offiziellen Namen Vietnam, und Long ließ sich unter dem Namen Nguyên Ánh von einer chinesischen Gesandtschaft, die nach Hanoi kam, zum Herrscher ausrufen. Und auch die Nguyên-Dynastie führte ihre Herrschaft genau nach chinesischem Muster. Sie stellte ein verkleinertes Ebenbild des chinesischen Kaiserreiches dar. Nachdem die Franzosen Vietnam nach heftigen Kämpfen erobert und zum französischen Protektorat (Französisch-lndochina, Annam) erklärt hatten, gingen die offiziellen Beziehungen zwischen China und Vietnam auf ein Minimum zurück. Die ehemals guten Handelsbeziehungen (Austausch von Seide und Waffen aus China gegen Salz aus Vietnam) waren kaum noch nennenswert. Auch der Konfuzianismus wurde allmählich aus dem Lande verdrängt. An seine Stelle trat der Katholizismus. Die chinesischen Schulen und Prüfungssysteme verschwanden und wurden durch französische ersetzt.
